Josephine Valeske

Das entfachte Feuer des Denkens: Die Bayreuther Dialoge 2015

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Die Diskussion ist schon fast an ihrem Ende angelangt, als Götz Werner endlich seine Zurückhaltung aufgibt: „Wie dürfen keinen Druck auf die Menschen ausüben, sondern müssen einen Sog herstellen, der sie mitreißt!“ Das Thema: Wie das deutsche Bildungssystem verbessert werden kann. Schauplatz: Die Bayreuther Dialoge 2015. Die Kontroverse: Was kann getan werden, damit die Quote der Schul-, Ausbildungs-, Studiumsabbrecher wieder sinkt, wie kann gegen Fachkräftemangel einerseits und Arbeitslosigkeit andererseits vorgegangen werden?

Für Götz Werner als Vater von sieben Kindern, wie er betonte, aber auch als Gründer des dm-Konzerns, in dem Lehrlinge „Lernlinge“ heißen und als Teil ihrer Ausbildung Theaterkurse besuchen müssen, ist die Sache klar: Es gehe um die Motivation. „Wir sollten keinen Eimer füllen, sondern ein Feuer entfachen!“, beschreibt er seine Idee, Bildung zu vermitteln. Junge Menschen müssten seiner Meinung nach zum Lernen motiviert werden, anstatt unter Druck gesetzt zu werden, immer die besten Leistungen zu bringen. Es brauche den Willen, sich fortzubilden, durch Zwang gehe gar nichts. Das gilt auch für die „Lernlinge“ dm´s. Der Unterschied zwischen Lehrling und Lernling? Die knappe Antwort Werners: „Das eine ist passiv, das andere aktiv.“ Dabei sei es laut Götz gar nicht so schlimm, wenn Jugendliche die Schule abbrechen, denn auch „in der Schule des Lebens lernt man genug“. Ein durchaus kontroverser Punkt, der auf dem Podium heftig diskutiert wird.

Die Diskussion, an der neben Götz Werner unter anderem auch der Schauspielerei-Aussteiger Sören Fenner und Prof. Dr. Martin Leschke, der Professor am Lehrstuhl für Institutionenökonomik in Bayreuth teilnahmen, war nur ein Teil des vielseitigen Programms der Bayreuther Dialoge 2015, einer Veranstaltung, die mit der Verständigung zwischen Wirtschaftsvertretern und Bürgern ein ähnliches Anliegen verfolgt wie managerfragen.org.

Die Dialoge werden seit 2004 alljährlich von Studenten des Faches „Philosophy and Economics“ organisiert und setzen genau an der Schnittstelle eben jener Fächer an. Sie verfolgen also das Ziel, Menschen zum Nachdenken über das Wirtschaftssystem, den homo oeconomicus, die verlorene und vielleicht wiedergefundene Menschlichkeit hinter der Gier nach Geld nachzudenken. Das Thema des diesjährigen Programmes war „Nützlicher Mensch – Menschlicher Nutzen“. Das Programm setzt sich zusammen aus Seminaren, die von Themen wie Corporate Social Responsibility oder Bitcoins über Korruption bis hin zur Frage reichten, ob die europäischen Transplantationsgesetze moralisch gerechtfertigt seien. Die Teilnehmer waren Studenten, Unternehmer oder einfach interessierte Bürger.

Managerfragen.org war vor Ort – schließlich wollen auch wir, dass Bürger sich mit Vertretern der Wirtschaft austauschen und Vorurteile abgebaut werden. Dass Gesprächsbedarf vorhanden ist, zeigte sich während der Veranstaltung deutlich. Angeregt von Diskussionen darüber, wer eigentlich wem nutzt – die Wirtschaft dem Menschen oder doch eher umgekehrt? – begrüßten die Anwesenden managerfragen.org als eine Möglichkeit, ihre Fragen und Ideen aus der Veranstaltung heraus an die Öffentlichkeit zu tragen. So wollte beispielsweise der Philosophy&Economics-Student Carl Lehrmann wissen, ob Professor Tom Sommerlatte sein Gehalt maßgeblich kürzen würde, wenn er damit der Gesellschaft maßgeblich nützen würde. Ein anderer Student, Samuel Strohriegl, fragte sich, wie Manager mit dem immensen Entscheidungsdruck umgehen, der auf ihren Schultern lastet. Die daraus entstandenen Dialoge sind hier auf unserer Webseite zu sehen.

Dafür, dass die Bayreuther Dialoge ihrem im Namen versteckten Anspruch gerecht werden, sorgten gemeinsame Abendessen von Teilnehmern und Dozenten sowie Freiräume während der Veranstaltung, in der sich die Besucher auf Augenhöhe begegnen konnten. So kam es, dass sich während eines 20-Leute-Seminars zum Thema bedingungsloses Grundeinkommen plötzlich die Tür öffnete und Götz Werner, einer der Begründer und eifrigsten Verfechter der Idee, mit den teilnehmenden Studierenden zu diskutieren begann.

Diese Diskussion war ein gutes Beispiel für die Vielseitigkeit der Bayreuther Dialoge. Gesprochen wurde über Menschenbilder – 90 Prozent aller befragten Bürger geben bei Umfragen an, sie selbst würden sogar mit einem bedingungslosen Grundeinkommen weiter arbeiten gehen wollen, aber 80 Prozent meinen, alle anderen Menschen hätten dann keinen Anreiz mehr, einer Erwerbsarbeit nachzugehen -, über die praktische Umsetzbarkeit des Modells (Wer würde das bezahlen?), über den Druck, der auf Arbeitnehmern jeder Einkommensklasse lastet. Michael Bohmeyer, der Initiator eines Berliner Projekts, das bedingungslose Grundeinkommen verlost, erzählte, wie sich in seinem Unternehmen die Autoritätsstrukturen änderten, als er eine Praktikantin einstellte, die ein bedingungsloses Gehalt bekommt, also selbst dann bezahlt wird, wenn sie überhaupt nicht zur Arbeit erscheint. Eine spannende Diskussion brach aus, und die konzentrierten Gedanken, Argumente und Ideen, die durch den Raum fluteten, waren beinahe sichtbar – genauso allerdings wie die Vorurteile auf beiden Seiten

Insgesamt waren die Bayreuther Dialoge ein für Geist und Intuition herausforderndes, unglaublich anregendes, inhaltlich starkes und sinnvoll konzeptioniertes Programm. Genau wie managerfragen.org ist es empfehlenswert für alle: von Managern, die ihr Unternehmen menschlicher gestalten wollen, bis hin zu Bürgern, die sich dafür interessieren, was passieren muss, damit die Wirtschaft auch wirklich voll und ganz dem Menschen nutzt.

Autor:

Josephine Valeske studiert Philosophy and Economics (B.A.) in Bayreuth. Sie ist seit 2015 Mitglied der MF´O-Redaktion und beschäftigt sich unter Anderem mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

Ein Kommentar

  1. Entfachte Feuer des Denkens, ein wunderbare Überschrift zu diesen und anderen bewegenden Themen. „Feuer des Denkens“ fehlen leider viel zu oft in der Wirklichkeit, in der Praxis bei Lernen, Bildung, Weiterbildung, Arbeit, Jobsuche, Arbeitsmarkt, Arbeitsklima, in der Gesellschaft und Wirtschaft, auch der Politik. Ich meine sogar, diese Feuer werden oft schon im Keim erstickt, kaputt gemacht, zerredet, durch Strukturen und Rahmenbedingungen verhindert- behindert. Ich kenne das aus eigener Erfahrung in meinen atypischen Jobs, in der Arbeit mit oft auch benachteiligten oder ausgegrenzten jungen und älteren Menschen. Diese Menschen wollen oft wirklich was tun, sich frei entfalten können, deren Schätze und Talente wurden bisher nicht von Eltern, Angehörigen, dem Bildungssystem und auch staatlichen Arbeitsmarktprojekten wirklich entdeckt und gefördert. Da gibt es auch offene Ohren für die Sache des BGE, denn man könnte sich damit auch u.a. in Sachen Kultur, Kunst, Sport, sozalem und gesellschaftlichem Engagement mehr und freier bewegen, seine Schätze und Talente verwirklichen trotz vielleicht schlechter Zeugnisse und Papiere. Der Mensch könnte so auch Mensch sein und Mensch bleiben, ohne DDD Druck- Dampf- Donner leben und arbeiten oder sich in irgend etwas drängeln lassen. BGE wird oft falsch verstanden, vielleicht auch bewusst so angegriffen, Menschen sollen Geld bekommen, ohne was zu tun oder tun zu müssen. Sicher denken einige auch so, aber die Masse würde mit einem BGE sich ohne Ängste und Druck freier bewegen in Sachen Arbeit, mit Freude und innerer Zufriedenheit sich in und bei Arbeit und Beschäftigung neu verwirklichen und vielleicht auch selber neu entdecken können. Das dürfte doch auch den Managern, der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sehr dienlich sein, dem sozialen Frieden in der Zukunft.

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