Quelle: http://kalexy.com/in-business-trust-is-everything-its-cracked-up-to-be/

Kein Vertrauen in die Wirtschaft … oder warum man die Führungsspitze von Unternehmen kennen sollte

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Nach einem jahrelangen Abwärtstrend des Vertrauens in Unternehmen zeigt das Edelman Trust Barometer für 2016 eine leichte globale Erholung. Deutschland hinkt allerdings hinterher. Während die Anforderungen an CEOs groß sind, ist das in sie gesetzte Vertrauen gering. Es zeigt sich außerdem, dass nur wenige Deutsche überhaupt CEOs kennen – Wir erklären, warum das ein Problem ist und welchen Ausweg Managerfragen.org bietet

Das Edelman Trust Barometer, das sich in den vergangenen Jahren als ein sehr viel zuverlässigerer Stimmungssensor als beispielsweise der Anstieg und Fall des Dax bewiesen hat, spiegelt die Trends des vergangenen Jahres wieder. Die weltweit größte Studie zu diesem Thema, in deren Zuge mehr als 33.000 Menschen in 28 Ländern zu ihrem Vertrauen in die Institutionen Regierung, Unternehmen, NGOs und Medien befragt werden, zeigt in der diesjährigen Veröffentlichung eine leichte Erholung der Vertrauenswerte in alle genannten Institutionen. Wie in dieser Studie üblich, erfolgt gesondert auch noch einmal die Auswertung der Ansichten einer sogenannten „Informierten Öffentlichkeit“, womit die 15 Prozent der Befragten gemeint sind, bei denen Einkommen, Bildungsabschluss und Mediennutzung überdurchschnittliche Werte erreichen. Das Vertrauensniveau dieser Gruppe liegt normalerweise immer über dem der Gesamtpopulation, aber in diesem Jahr vergrößerte sich der Abstand extrem.

Höheres Vertrauen in die Wirtschaft als in die Politik

In der Studie spiegeln sich sehr deutlich wider, welche zwei Themen in Deutschland in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres, dem Befragungszeitraum, die öffentliche Meinung bestimmten. Das ist zum einen die Flüchtlingspolitik – wobei Angela Merkels Regierung zum ersten Mal seit vier Jahren mit einem Vertrauensverlust zu kämpfen hat – und zum anderen der VW-Skandal : Dieser führte zu einem dramatischen Vertrauensverlust in die deutsche Automobilbranche von 61 auf 41 Prozentpunkte. Die Debatte um das Thema Flüchtlinge verdrängte die Euro-Krise aus den Medien und stoppte somit den Vertrauensverlust in die Wirtschaft. Während weltweit das Vertrauen in Unternehmen von 48 Prozentpunkten im Jahr 2014 Jahr auf 53 Prozent in 2015 leicht stieg, blieb es in Deutschland allerdings auf dem gleichen Stand: Nur 42 Prozent der Befragten gaben an, den Unternehmen zu vertrauen. Das Vertrauen in die Medien und NGOs liegt etwas höher, die Regierung liegt an letzter Stelle. Im globalen Vergleich fällt Deutschland mit diesen Werten in die Kategorie der „Distruster“, die Deutschen schenken also Institutionen generell wenig Vertrauen.

Erwartungen an CEOs werden enttäuscht

Die diesjährige Veröffentlichung beschäftigt sich genauer mit den Erwartungen an Unternehmen, insbesondere an CEOs – und es wird klar, dass diese die Öffentlichkeit enttäuschen. Zwar sind 80 Prozent der Befragten überzeugt, dass es theoretisch möglich wäre, Profitmaximierung mit sozialen und ökologischen Standards zu vereinen, allerdings sehen sie diese Möglichkeiten nicht in die Praxis umgesetzt. Dabei lohnt es sich: Unternehmen, die sich sozial engagieren, bekommen ein um 27 Prozentpunkte besseres Feedback in Sachen Beliebtheit als Arbeitsgeber, außerdem schreibt man ihnen langfristig eine gute Zukunft zu.

Manager erfüllen die Erwartungen der Bevölkerung nicht (Ausschnitt aus der Präsentation zum Edelman-Trust-Barometer 2016, Quelle: http://www.edelman.de/de/studien/articles/trust-barometer-2016

Manager erfüllen die Erwartungen der Bevölkerung nicht (Ausschnitt aus der Präsentation zum Edelman-Trust-Barometer 2016), Quelle: http://www.edelman.de/de/studien/articles/trust-barometer-2016

Die Lücke zwischen den gesetzten Erwartungen und der tatsächlichen Performance der CEOs liegt in den beiden als am wichtigsten empfundenen Leadership-Attributen, Integrität und Engagement, im Durchschnitt bei 27 Prozentpunkten. Die stärksten Kritikpunkte sind, dass Unternehmenslenker zu sehr auf kurzfristige Profite hinarbeiten (72 Prozent der Befragten) und zu viel Lobbyismus betreiben (65 Prozent). Gewünscht wäre stattdessen ein stärkeres Engagement für die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Einmischung in gesellschaftliche und politische Diskussionen.

Interessant dabei ist, dass 77 Prozent der Befragten sich wünschen, dass CEOs in öffentlichen Diskussionen auch ihre persönliche Meinung zu gesellschaftlichen Themen ehrlich preisgeben: Ein positives Feedback für Managerfragen.org, da wir genau diese öffentlichen Dialoge initiieren wollen.

Obwohl die Deutschen sehr gut wissen, was sie von CEOs wollen, wissen sie seltener, was oder wer CEOs eigentlich sind. 80 Prozent der Befragten aus Deutschland konnten auf Anfrage keinen einzigen CEO nennen. Damit schneidet Deutschland unter den zehn Befragten Ländern am schlechtesten ab.

Aber warum ist das so ein großes Problem? Warum ist es wichtig, CEOs zu kennen?

Die erste Antwort auf diese Frage ist: Weil ihre Entscheidungen einen großen Einfluss auf unser Leben haben. CEOs großer Unternehmen tragen mitunter die Verantwortung für so viele Arbeitnehmer, wie manche Kleinstadt Einwohner hat, und auch die Auswirkungen ihrer Entscheidungen sind durchaus mit denen eines Politikers auf Bundesebene zu vergleichen, so viele Lebensbereiche tangieren sie.

Die Entscheidungsträger der Unternehmen beeinflussen nicht nur das Leben ihrer eigenen Mitarbeiter, sondern auch das aller anderen Bürger: Über die Preise ihrer Produkte, über die Neuentwicklungen, das Festlegen von Forschungsrichtungen – so sind es beispielsweise Unternehmensleitungen, die die Entwicklung von Medikamenten gegen bestimmte Krankheiten fördern oder auf Eis legen können. Vorstände entscheiden, aus welchen Drittländern sie Rohstoffe beziehen, ob sie die dortigen Arbeitsbedingungen verbessern oder nicht. Unternehmen schaffen durch ihre Lohnpolitik Reichtum, Sicherheit und Stabilität – oder das genaue Gegenteil. Rüstungsfirmen schließen Deals mit bestimmten Ländern ab und liefern damit die Instrumente, die über Tod und Leben entscheiden und damit zu den zentralen Fluchtursachen der heutigen Zeit gehören. Sie betreiben Lobbyarbeit und nehmen damit erheblichen Einfluss auf die Politik, und mitunter entsteht der Eindruck, die Gesetze würden eher von der Wirtschaft als der Regierung geschrieben. CEOs besitzen auch innerhalb der Wirtschaft eine Vorbildfunktion und können Trends setzen . Wenn ein großes Unternehmen die Preise der angebotenen Produkte oder Dienstleistungen senkt und den Spielraum dafür aus sinkenden Löhnen gewinnt, kreiert es eine Lohndumpingspirale in der gesamten Branche, weil alle anderen versuchen werden, mitzuhalten. Andersherum: Wenn sie beispielweise ein gutes Betriebsklima oder Gender Equality fördern, ziehen andere Unternehmen bald nach.

Wenn man also die CEOs kennt, und zwar nicht nur ihre Namen, sondern vor allem ihre Ziele, Strategien und politischen Ansichten, dann kann man letztendlich die Richtung erkennen, in die sich Wirtschaft und zumindest partiell Politik des Landes zukünftig entwickeln. Dazu gehört natürlich, den Wirtschaftsteil der einschlägigen Nachrichtenmagazine zu verfolgen. Wir empfehlen aber auch dringend, sich ein eigenes Bild zu machen und im fairen, öffentlichen und direkten Dialog mit Top-Führungskräften andere Perspektiven zu erkunden und vielleicht gemeinsam dabei zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Weil wir es wichtig finden, nicht nur die Möglichkeit zum Dialog, sondern auch eine solche Möglichkeit zur Meinungsbildung zu bieten, haben wir ein Kompendium über die CEOs der Dax30-Unternehmen erstellt. Wir bieten neben einem allgemeinen Überblick über den Lebenslauf der Vorgestellten insbesondere auch ausgewählte Artikel, Interviews und Videos, in denen ihre Ansichten und Pläne deutlich werden. Zudem finden Sie alle Fragen, die den Managern bisher gestellt wurden, und deren Antworten – die perfekte Ausgangssituation, um sich eine fundierte Meinung zu bilden und in den Dialog zu starten!

 

Autor:

Josephine Valeske studiert Philosophy and Economics (B.A.) in Bayreuth. Sie ist seit 2015 Mitglied der MF´O-Redaktion und beschäftigt sich unter Anderem mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

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