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Bürger unter dem Mikroskop der Big Data

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Willi SchrollWussten Sie, dass die neue Xbox den Pulsschlag und die emotionalen Zustände des Spielers erfassen kann? Maschinen können sehen, was uns Menschen verborgen bleibt, sie können den feinen Unterschied wahrnehmen in der pulsierenden Durchblutung unserer Gesichtshaut. Als die neue Spielekonsole kürzlich vorgestellt wurde, da versicherte der Microsoft-Sprecher, dass die Daten alle brav zuhause in der Box verblieben. Allerdings: Die Xbox soll sich jeden Tag mindestens einmal einloggen bei Microsoft. Nach den Enthüllungen über PRISM, das wohl größte Überwachungsprogramm aller Zeiten sind wir Bürger unsicher, was den Wert solcher Versicherungen angeht. 

 

Kann die Nationale Sicherheitsbehörde der USA der Versuchung widerstehen, die Schusspräzision und das Stresslevel des arglos daddelnden  Bürgers „abzuhorchen“? Gibt es vielleicht schon ein Nachfolgeprogramm von PRISM, das noch tiefer in unsere Privatsphäre eindringen wird? Es liegt in der Natur der Sache, dass wir von Geheimnissen nichts wissen, bis sie „verpfiffen“ werden von Insidern wie Edward Snowden. Diese Mutmaßungen enden in einer paranoiden Logik.

 

PrismAber wir stecken ja bis zum Hals in der digitalen Welt und müssen irgendwie handeln, müssen unser digitales Leben managen. Die Empfehlung der Datenschutzbeauftragten, man möge US-Plattformen wie Facebook meiden wirkt doch etwas hilflos. Horribile dictu – die relevanten Plattformen wie Google, Facebook, Apple und Microsoft unterliegen dem Recht der USA. Der Komplex PRISM/NSA betrifft das Prinzipielle – unser Leben in hochvernetzten Zeiten. Die Infrastruktur und die verbilligte Rechenpower ermöglichen neue Dienste, die immer genauer auf uns personalisierbar sind, ja, die uns buchstäblich bald die Wünsche von unseren  Augen ablesen können.

 

Es gibt einen riesigen Forschungsbereich, der Systeme entwickelt, der emotionale Zustände und körperliches Verhalten analysiert. Das ist lebensrettend, wenn übermüdete LKW-Fahrer mit schrillem Ton aus dem Sekundenschlaf gerissen werden, oder wenn der Terrorist am Flughafen wegen seines körperlichen Erregungszustands erkannt werden könnte – aber es wird unheimlich, wenn Auswertungssysteme für öffentliche Videokameras permanent nach „Verhaltensauffälligkeiten“ von uns allen suchen sollen. Eine Idee, die auch dem europäischen Programm INDECT eigen ist – selbstverständlich mit der Begründung so die Sicherheit, also das Wohl der Menschen, zu mehren.

 

Es ist das uralte Dilemma zwischen Freiheit und Sicherheit, dem Widerstreit dieser beiden Grundwerte. Ganz ehrlich, ich habe auch keine Lösung – die Balance muss sicher immer wieder neu gefunden werden. Auch für die „Kontrolle der Kontrolleure“ müssen neue Konzepte gefunden werden. Der Fall Snowden zeigt, dass in deren Händen noch nie soviel Macht lag, wie heute. Heutige Dienste verarbeiten unfassbare Datenmassen und besitzen die größten Rechenzentren. Im Zeitalter von Big Data erscheinen die Verhältnisse der papierbasierten Geheimdienste früherer Jahrhunderte als putzig.

 

Prism-002Unterdessen freue ich mich, dass der Datenschutz offenbar bereits zum europäischen Standortvorteil wird. Eine Plattform für Online-Brainstorming und Mind Mapping wirbt seit ein paar Tagen mit dem Label „NO PRISM – hosted outside USA“. Aber es gibt keinen Grund zur Entwarnung. Mit der Explosion der Big Data einerseits und dem „Internet der Dinge“ wird die Grenze zwischen Nutzen und Risiko in der Zukunft noch schillernder.

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