Wenn Menschen billiger sind als Spülmaschinen

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Gegen acht Uhr dreißig betritt Sunita das Haus und macht sich sofort an die Arbeit: Zuerst kocht sie Chai, räumt dann die Wohnung auf, wäscht das Geschirr und die Kleidung per Hand, fegt und schrubbt im Hocken den Boden. Schließlich kocht sie Mittagessen. Und dann zieht sie weiter – zum nächsten Haus. Sie managt nämlich nicht nur den Haushalt ihrer eigenen Familie, sondern auch den vieler anderer, reicherer, unter anderem den, in der ich als Untermieterin wohne. Sunita ist eine „Maid“, Haushaltshilfe. Und im siebten Monat schwanger, aber das interessiert niemanden. Ihr Gehalt beträgt etwa 3000 Rupien (rund  40 Euro) im Monat pro Familie – das ist selbst in Indien ein Hungerlohn für die anstrengende Arbeit, die sie täglich verrichtet. Als ich sie frage, ab wann sie denn eine Babypause einlegen werde, lacht sie und sagt, sie würde bis zur Geburt ihres Kindes weiterarbeiten. Ihre Arbeitsgeberin zuckt die Schultern –es sei ihre freie Entscheidung. Niemand zwingt Sunita zur Arbeit, jedenfalls nicht direkt. Aber es gibt kein Geld für die Tage, an denen sie nicht kommt, selbst wenn es aus gesundheitlichen Gründen geschieht. Ihre Familie ist arm – letztendlich hat sie keine Wahl.

Dem Gesetz zufolge müsste Sunita offiziell angemeldet werden. Dann würden für sie und alle anderen Maids Mutterschutzgesetze gelten, sie hätten feste Urlaubszeiten, Kündigungsschutz, könnten sich bezahlt krankschreiben lassen.  Aber so ist es in Indien mit vielen Gesetzen: würden sie  so in die Praxis umgesetzt werden, wie sie auf dem Papier geschrieben stehen, dann wäre das Land ein soziales Paradies.  In der Praxis jedoch hat fast jeder Haushalt, der es sich leisten kann, eine nicht angemeldete Maid, sie sind sozusagen allgemein akzeptierte Schwarzarbeiterinnen.

Als mir bei meinem ersten Besuch in Indien klar wurde, dass beinahe jede halbwegs wohlhabende Familie eine Maid beschäftigt,  verstand ich das nicht: Warum werden nicht einfach wie in Europa Staubsauger, Wasch- und Spülmaschinen benutzt, anstatt Menschen unter – in meinen Augen – unwürdigen und gesundheitsschädlichen Bedingungen schuften zu lassen? Die Antwort ist so einfach wie zynisch: Maschinen sind teurer! In Indien herrscht ein Überschuss an unausgebildeten Arbeitskräften. Vor allem die arme Dorfbevölkerung zieht es zum Geldverdienen in die großen Städte, wo sie um schlecht bezahlte Jobs konkurrieren, wodurch ihr „Preis“ sehr niedrig ist. Ein weiteres Plus: Menschen putzen gründlicher als Maschinen und sind auch während der allgegenwärtigen  Stromausfälle einsatzbereit.

Maids sind bei weitem nicht die einzigen Maschinenersatzarbeiter. Da gibt es die „Dhobis“, die für große Hotelketten Bettlaken und Handtücher per Hand waschen, eng zusammengepfercht in brütender Hitze und mit ewig langen Arbeitszeiten.  Dürre Fahrradrikschafahrer, die manchmal ganze Familien auf ihrem klapperigen Gefährt befördern. Bauarbeiter, die sechsstöckige Häuser in Handarbeit hochziehen, ohne Kran oder Bagger. Kulis, Gepäckträger an Bahnhöfen oder auf Trekkingreisen, die schwerere Lasten schleppen als uns menschenmöglich scheint. Dann die unzähligen Bauern, die ihre Felder mit Ochsenkarren und per Hand bewirtschaften. Oder, ein Anblick, den ich nie vergessen werde: Mädchen mit riesigen Laternen auf dem Kopf als mitlaufende Beleuchtung am Rande eines Hochzeitsumzuges: menschliche  Lampen.

All das klingt fremd, sogar abstoßend, von außen betrachtet. Wer über diese Problematik nachdenkt, sollte sich allerdings einer Sache unbedingt bewusst sein:

Was ich hier beschreibe, ist nur ein Ausschnitt aus dem indischen Alltag, eine Facette des  Lebens. Dieser Artikel konzentriert sich auf die Unterschiede zwischen Indien und Deutschland, doch das bedeutet nicht, dass es keine Gemeinsamkeiten gibt. Gerade das Leben der ständig wachsenden Mittelschicht ist dem unseren sehr ähnlich. Durch Globalisierung und Digitalisierung wird der westliche Lebensstil, der vielen als der anzustrebende Standard vorschwebt, für immer mehr Menschen erreichbar – wie man das bewertet, bleibt jedem selbst überlassen. Indiens Gesellschaft ist, wie andere auch, in einem ständigen Wandel begriffen, der durch die Globalisierungsströme jedoch eine unglaubliche Dynamik entwickelt. Es ist schwer vorhersehbar, welche Veränderungen das nach sich ziehen wird, aber es bleibt zu hoffen, dass für die Ärmsten der Armen einige Verbesserungen möglich sein werden.  Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass es keine Maids oder Dhobis mehr geben wird, denn diese Arbeiten sind momentan für viele schlecht ausgebildete Menschen die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen. Vielmehr geht es um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen, um  Absicherung  und faire Bezahlung. Nicht zuletzt liegt genau das auch in den Händen der europäischen Firmen, die in Indien produzieren lassen, und in der Verantwortung der Konsumenten hierzulande, die deren Produkte ohne kritisches Hinterfragen kaufen.

Zwar existiert in Deutschland eine Fairtrade-Bewegung, die allerdings den Mainstream der Konsumenten und vor Allem die grossen Unternehmen laengst noch nicht erreicht hat. Hier will Managerfragen.org ansetzen, indem wir kritische Konsumenten und einflussreiche Manager miteinander ins Gespraech bringen.

Perspektivisch besteht die Aufgabe der indischen Gesellschaft darin, die momentan günstige Wirtschaftslage dazu zu nutzen, möglichst vielen Menschen soviel Bildung zukommen zu lassen, dass sie auch qualifiziertere Arbeiten ausüben können und nicht mehr als billiger Maschinenersatz herhalten müssen.

Autor:

Josephine Valeske studiert Philosophy and Economics (B.A.) in Bayreuth. Sie ist seit 2015 Mitglied der MF´O-Redaktion und beschäftigt sich unter Anderem mit Fragen der sozialen Gerechtigkeit.

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